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11. November 2016 / 0 Kommentare

Parodontitis und Mundgesundheit bei Senioren

Schon Udo Jürgens wusste zu berichten, dass das Leben mit 66 Jahren erst so richtig anfängt, und tatsächlich werden wir Deutschen immer älter. Heute werden Menschen im Alter zwischen 65 und 74 Jahren als „jüngere Senioren“ bezeichnet und nehmen oft noch sehr aktiv am Leben teil, genießen ihre Freizeit und fühlen sich noch lange nicht alt.Allerdings nehmen mit zunehmendem Lebensalter auch körperliche Einschränkungen und Krankheiten zu, während Beweglichkeit sowie das Tast- und Sehvermögen abnehmen.Besonders häufig leidet darunter die Mundgesundheit, denn der regelmäßige Besuch beim Zahnarzt fällt alten und sehr alten Menschen zunehmen schwerer und ist oft nur noch mit Unterstützung möglich.

Dennoch ist die Gesundheit von Zähnen und Zahnfleisch auch im Alter ein entscheidendes Kriterium für die Lebensqualität, daher werden sich die Anforderungen an Zahnärzte, Zahntechniker und an Pflegekräfte in den kommenden Jahren und Jahrzehnten weiter verändern. So weist etwa das Kuratorium perfekter Zahnersatz (KpZ) darauf hin, dass der wachsende Anteil von älteren Menschen in der Gesellschaft auch Konsequenzen für Pflegekräfte und Ärzte haben wird. Konkret fordert Professorin Ina Nitschke vom Wissenschaftlichen Beirat des KzP, dass „sich alle, die im Umfeld der Senioren zu deren Wohl tätig sind, auf Ansprüche, die Einschränkungen und die Erkrankungen der betagten und hochbetagten Menschen einstellen“.

Die Fünfte Deutsche Mundgesundheitsstudie zeigt Licht und Schatten auf

Seit 1989 untersuchen das Institut der Deutschen Zahnärzte im Auftrag der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung und der Bundeszahnärztekammer den Status der Mundgesundheit in der bundesdeutschen Bevölkerung. Die im August 2016 veröffentliche fünfte Studie (DMS V) zeigt auf, dass sich zwar grundsätzlich die Mundgesundheit verbessert hat, dennoch gibt es auch neue Herausforderungen in der näheren Zukunft.

So ist etwa bei Parodontitis ein rückläufiger Trend bei jüngeren Senioren festzustellen, doch aufgrund der demografischen Entwicklung sehen die Experten in Zukunft einen erhöhten Behandlungsbedarf. Zwar ist heute nur noch jeder achte jüngere Senior komplett zahnlos und im Durchschnitt verfügen Menschen zwischen 65 und 74 Jahren heute über fünf eigene Zähne mehr als noch 1997. Allerdings weist die Studie auch darauf hin, dass bei älteren Menschen mit Pflegebedarf das Auftreten von Karies erhöht ist, sie über weniger eigene Zähne verfügen und häufiger als die gesamte Altersgruppe der älteren Senioren (75-100 Jahre) auf herausnehmbaren Zahnersatz angewiesen sind.

Zudem macht die Studie deutlich, dass sich aufgrund der gestiegenen Lebenserwartung Krankheitslasten in höhere Lebensalter verschieben: So haben ältere Senioren im Jahr 2014 einen Mundgesundheitszustand, der dem der jüngeren Senioren im Jahr 2005 entspricht. Auf der anderen Seite erreicht die Mundgesundheit in Deutschland jedoch in den Bereichen Karieserfahrung, Parodontitis und komplette Zahnlosigkeit im Mund Spitzenpositionen im internationalen Vergleich.

Mundgesundheit ist auch im hohen Alter möglich

Ältere und alte Menschen brauchen mehr und intensivere Unterstützung und Hilfestellung bei alltäglichen Verrichtungen, auch bei der Mundpflege. Gerade dann, wenn noch eigene Zähne vorhanden sind, müssen die Zahnreinigung und die Pflege von Mundhöhle und Zahnfleisch intensiv betrieben werden, unter Anleitung und nötigenfalls mit Hilfe durch eine Pflegekraft.

Von besonderer Bedeutung insbesondere für die Gesundheit des Zahnhalteapparates sind die regelmäßige Prävention von Parodontitis und die professionelle Zahnreinigung durch einen Zahnarzt. Das setzt insbesondere bei Senioren mit eingeschränkter Mobilität voraus, dass diese entweder bei den Wegen in die Praxis begleitet werden oder – und das wird in den kommenden Jahren sicherlich noch deutlich zunehmen – dass der Zahnarzt verstärkt mobil wird und Haus- oder Klinikbesuche absolviert.

Interessanterweise kommt die DMS V zu dem Ergebnis, dass eine soziale Ungleichheit bei der Versorgung mit Zahnersatz nicht festzustellen ist. Denn durch die seit Jahren steigende Anzahl von eigenen Zähnen bis ins hohe Alter steigt auch die Versorgung mit festsitzendem Zahnersatz wie Brücken oder Kronen, zudem werden Lücken immer häufiger dauerhaft mit Implantaten geschlossen.

Dieses wird auch möglich durch die im internationalen Vergleich außergewöhnliche Absicherung durch die gesetzliche Krankenversicherung, die unabhängig von der Art des gewünschten Zahnersatzes und dem sozialen Status jedem Versicherten die Möglichkeit bietet, die gesetzlichen Festzuschüsse in Anspruch zu nehmen und sich so mit hochwertigem Zahnersatz zu versorgen. Dazu erhalten Menschen in sozial schwieriger Lage einen doppelten Festzuschuss, so dass sich der soziale Status eines Menschen in Deutschland nicht an der Zahl der Zahnlücken ablesen lässt.

Menschen in Pflegeeinrichtungen brauchen besondere Aufmerksamkeit

Dennoch zeigt die DMS V auch Handlungsbedarf auf, beispielsweise bei der zahnmedizinischen Versorgung von älteren Menschen mit Pflegebedarf. Diese weisen eine schlechtere Zahn- und Mundgesundheit auf als die gesamte Altersgruppe der älteren Senioren, besitzen weniger eigene Zähne, die zudem in einem schlechteren Erhaltungszustand sind.

Die Studie sieht dafür drei mögliche Gründe:

  • Die generelle Therapiefähigkeit älterer Patienten nimmt ab
  • Die Mundhygiene verschlechtert sich aufgrund von körperlichen und geistigen Einschränkungen
  • Die Eigenverantwortung wird zunehmend eingeschränkt

Mit wachsender Pflegebedürftigkeit erhöht sich der generelle Behandlungsbedarf, während jedoch die Therapiefähigkeit zurückgeht. Teilweise können Behandlungen nicht mehr ambulant durchgeführt werden, sondern erfordern eine stationäre Einlieferung. Dazu kommt, dass fast jeder Dritte Pflegebedürftige nicht mehr in der Lage ist, sich eigenständig um die Pflege von Zähnen und Zahnprothesen zu kümmern und aktive Unterstützung dabei benötigt. Und 60 Prozent aller Menschen mit Pflegebedarf sind nicht mehr dazu in der Lage, einen Zahnarzttermin eigenständig zu organisieren und dazu die Praxis aufzusuchen.

Mit dem Anstieg der Pflegebedürftigkeit müssen neue Strategien gefunden werden, um Prävention, Versorgung und Behandlung von Zahn- und Zahnfleischerkrankungen für die Betroffenen zu verbessern. Das setzt neben Zeit und Personaleinsatz vor allem Aufklärung voraus, denn insbesondere Pflegekräfte müssen sensibilisiert werden für die neuen Aufgaben und Herausforderungen. Auch muss verstärkt in der Ausbildung auf die Bedeutung der Mundgesundheit für ältere und alte Menschen eingegangen werden, inkl. konkreter Maßnahmen, wie diese im Alltag gewährleistet werden kann.

Warnsignale erkennen und richtig handeln

Für Menschen über 45 Jahren stellt Parodontitis, also eine Entzündung des Zahnhalteapparates die häufigste Ursache für Zahnverlust dar. Blutendes Zahnfleisch ist ein Warnsignal und weist auf eine versteckte Entzündung im Zahnfleischsaum hin, die unbehandelt nicht nur den Verlust selbst gesunder Zähne zur Folge haben kann, sondern auch für die Allgemeingesundheit gefährlich ist. Denn in Zahnfleischtaschen sammeln und vermehren sich Bakterien, die in den Blutkreislauf gelangen und sich im ganzen Körper ausbreiten können.

So kann eine unbehandelte Parodontitis das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie für Diabetes erhöhen. Auch stehen die Bakterien im Verdacht, COPD, Arthritis, bestimmte Krebsarten und sogar Demenz zu begünstigen. Diese Warnsignale müssen nicht nur die Betroffenen selber, sondern auch Pflegekräfte kennen und entsprechend reagieren: Eine Parodontitis ist selbst in fortgeschrittenen Stadien beim Zahnarzt gut behandelbar. Eine professionelle Zahnreinigung und die lokale Verabreichung von Antibiotika helfen dem Körper, die krankmachenden Keime zu besiegen und das erkrankte Gewebe heilen zu lassen. Allerdings muss auch die regelmäßige Nachsorge sichergestellt sein, ein Besuch beim Zahnarzt alle 3-6 Monate ist dazu erforderlich. Oder eben der Besuch des Zahnarztes bei seinem Patienten, wenn dieser nicht mehr in der Lage ist, in die Praxis zu kommen.


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